UPMCommunication Papers
Artikel | 10/01/2021 10:06:22 | 11 min Lesezeit

„Mischwälder statt Monokulturen“ – Fragen & Antworten mit Prof. Dr. Josef Settele

Wer etwas über den ökologischen Ist-Zustand des Planeten wissen will, der wird Prof. Dr. Josef Settele ganz genau zuhören. Der Leiter des Departments Naturschutzforschung am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) ist gleichzeitig Co-Vorsitzender des Weltberichts zum ökologischen Zustand der Erde. Ein Interview über Biodiversität, Artensterben, Pandemien und wie nachhaltiges Waldmanagement helfen kann, die Welt wieder stärker ins Gleichgewicht zu bringen.

IconProfile.png Prof. Dr. Josef Settele

Prof. Dr. Josef Settele leitet das Department Naturschutzforschung am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle. In seiner Funktion als Co-Vorsitzender hat er den globalen Bericht zum Stand der Artenvielfalt des UN-Weltbiodiversitätsrates IPBES 2019 mit verfasst. 2020 erschien von ihm „Die Triple-Krise. Artensterben, Klimawandel, Pandemien – Warum wir dringend handeln müssen“. Er ist seit 2020 Mitglied des Sachverständigenrates für Umweltfragen (SRU) der deutschen Bundesregierung.

 

Herr Professor Settele, in Ihrem Buch „Die Triple-Krise“ beschreiben Sie, wie die unkontrollierte Ausbeutung der Natur, das Artensterben und Pandemien wie Corona sich auf unselige Weise gegenseitig befeuern. Wie lässt sich dieser Zusammenhang erklären?

"Die Biodiversität, also die Artenvielfalt, spielt eine entscheidende regulatorische Rolle. Wann immer der Mensch neue Gebiete für sich erschloss, kam es zu Artenverlusten. Je mehr Lebensräume von Tieren und Pflanzen wir zerstören, je ungezügelter wir unsere Städte und ihre Einzugsgebiete in die Landschaft wuchern lassen, desto höher wird das Risiko neuer Pandemien. Denn wo wir Menschen uns ausbreiten, entsteht eine homogenisierte Landschaft, in der nur noch wenige dominante Arten überleben. Hinzu kommt: Wo es massenhaft Vertreter derselben Art gibt, bekommen Krankheitserreger eben dieser Arten viel Gelegenheit, sich auszubreiten und zu modifizieren. Diese Dominanz weniger Arten ­– gepaart mit einem engen Kontakt zum Menschen – erhöht das Risiko für ein Überspringen solcher Erreger. Bei fast acht Milliarden Menschen auf der Erde wird dem Virus Covid-19 also reichlich Experimentierfläche geboten, wie wir an der Entstehung von diversen Mutanten schon feststellen müssen."

Wenn die Zerstörung von Lebensräumen einer der Hauptgründe für die Dreifach-Krise ist, ist es höchste Zeit für einen neuen Umgang mit unseren Wäldern und wie der Mensch sie nutzt?

"Die Biomasse der weltweiten Vegetation hat sich im Laufe der Menschheitsgeschichte halbiert, und Wälder erstrecken sich heute nur noch über etwa Zweidrittel ihrer vorindustriellen Ausdehnung. Das haben wir im Globalen Bericht des Weltbiodiversitätsrates8 festgestellt. Obwohl sich der Waldverlust seit den 1980er Jahren weltweit verlangsamt hat, schreitet er in vielen tropischen Regionen immer noch sehr schnell voran. Und die zunehmende Ausdünnung der Wälder in den gemäßigten und borealen1 Vegetationszonen geht einher mit einer zunehmenden Fragmentierung und wird von Veränderungen der Funktion ­­– z.B. der Kohlenstoffspeicherung – begleitet."

 

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Bäume pflanzen für den Klimaschutz, weil diese ja Kohlenstoff in ihrem Holz binden, erfreut sich derzeit großer Beliebtheit bei Unternehmen wie Verbrauchern. Ist dieser Weg erfolgversprechend?

"Aus wissenschaftlicher Sicht muss man hier ganz genau hinschauen, denn pauschal lässt sich diese Frage nicht mit einem einfachen „Ja“ oder „Nein“ beantworten. Klimaschutzmaßnahmen, die darauf abzielen, die Kohlenstoffspeicherkapazität von Ökosystemen zu erhöhen, können erhebliche weitere Folgen für das Klimasystem haben. Das gilt zum Beispiel für das Anlegen großer Waldflächen oder den großflächigen Anbau von Bioenergiepflanzen. Daher ist es wichtig, alle Klimafolgen bei der Evaluation dieser Klimaschutzmaßnahmen zu berücksichtigen – sowohl die kurzfristigen Folgen als auch die langfristigen."

Die Holz- und Papierindustrie setzt zunehmend auf nachhaltiges Waldmanagement. Könnte das etwas zum Positiven ändern?

"Wie wir im gemeinsamen Bericht9 des Weltbiodiversitätsrat (IPBES2) und des Weltklimarates (IPCC3) herausgearbeitet haben, könnte die reduzierte Rodung von Wäldern oder deren geringere Schwächung durch Vermeidung unkontrollierten Holzeinschlags zu einer Senkung der jährlichen anthropogenen4 Treibhausgasemissionen beitragen. Durch den Erhalt und die Verbesserung der Kohlenstoffspeicherung könnte ein Minderungspotenzial der Emissionen in Höhe von 0,4 bis 2,1 Giga-Tonnen CO2-Äquivalent pro Jahr erreicht werden."

Was empfehlen Sie der Forstwirtschaft?

"Die Umsetzung muss sehr gut geplant und überlegt sein. In diesem Zusammenhang ist auch wichtig darauf hinzuweisen, dass die Notwendigkeit, mit Unsicherheiten umzugehen, für Ansätze zur Klimaanpassung spricht, die einen starken Schwerpunkt auf das Risikomanagement legen und auf Strategien, die sich weiterentwickeln können. Zum Beispiel sind die Prognosen des Wasserstresses von Bäumen vielerorts mit großen Unsicherheiten behaftet. Das liegt an anderen Unsicherheiten, etwa in Bezug auf Niederschlagsvorhersagen, kohlendioxid-getriebene Evapotranspiration6 und andere Faktoren. Die Förderung von Mischwäldern bietet mehr Flexibilität als das Anpflanzen von Monokulturen trockenheitsresistenter Baumarten. Klimaanpassungsstrategien konzentrieren sich zu oft auf Maßnahmen, denen es an Flexibilität fehlt, wenn sich die Klimavorhersagen oder die prognostizierte Reaktion des Systems auf den Klimawandel als falsch herausstellen."

 

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Welche sind dies zum Beispiel?

"Zu den möglichen Klimafolgen gehören Effekte, die durch Änderungen der Emissionen anderer Treibhausgase als CO2 entstehen, durch Änderungen des Rückstrahlungsvermögens von Oberflächen7, durch veränderte Evapotranspiration6 sowie durch Veränderungen der Aerosol-Konzentration in der Atmosphäre. Ursächlich können aber auch indirekte Änderungen der Landnutzung sein, die sich aus der Ausdehnung großer Wald- oder Bioenergieanbauflächen ergeben. Abhängig von den ergriffenen Maßnahmen, ihrer geografischen Lage, ihrer Umsetzung und ihres Zeitraums können diese Effekte den Klimawandel entweder mindern oder ihn antreiben."

Die Zusammenhänge sind also komplex. Können Sie das zusammenfassen?

"Maßnahmen, die allein auf die Minderung des Klimawandels sowie die Klimaanpassung ausgerichtet sind, können direkte und indirekte negative Auswirkungen auf die Natur und ihre Leistungen für den Menschen haben."

Was kann jeder Einzelne unserer Leser tun, um seinen Beitrag zu leisten, die Triple-Krise zu bremsen?

"Drei Dinge fallen mir sofort ein, die einen wesentlichen Beitrag zur Bewältigung der Biodiversitätskrise, zur Begrenzung des Klimawandels und zur Anpassung leisten könnten: Die Änderungen des individuellen Konsumverhaltens, eine Umstellung der Ernährungsgewohnheiten sowie ein Einsatz für Fortschritte bei der nachhaltigen Nutzung natürlicher Ressourcen. Durch solche Nachfrage-gesteuerten Maßnahmen werden Land- und Meeresflächen frei, die für den Schutz der biologischen Vielfalt, z. B. Wiederaufforstung, Wiederherstellung von Küstenlebensräumen, Schutzgebiete, oder für den Klimaschutz, z. B. Auf- und Wiederaufforstung und Windparks, genutzt werden können."

Das klingt nach Veränderungen, deren Folgen alle Menschen auf dem Planeten betreffen?

"Große Vorteile für die Umwelt und das menschliche Wohlbefinden ergeben sich, wenn die Umstellung der Ernährung darauf ausgerichtet ist, eine globale Chancengleichheit beim Thema Gesundheit herbeizuführen, indem der Verbrauch derart verändert wird, dass weltweit sowohl Probleme wie Unterernährung als auch verschwenderischer Konsum, Übergewicht und Fettleibigkeit reduziert werden."

Global bedeutend ­– lokal umgesetzt. Was ist bei dieser Umsetzung besonders wichtig und darf auf keinen Fall vergessen werden?

"Wir müssen den richtigen Weg finden zwischen massiven Emissionseinsparungen, dem Biodiversitätsschutz und dem dazugehörigen Flächenschutz. Natürlich ist es sinnvoll, in die Stärkung der Natur zu investieren, Ökosysteme wiederherzustellen, Wälder zu renaturieren und ihre CO2-Speicherkapazität zu erhöhen. Wenn entsprechende Initiativen aber dazu führen, dass Unternehmen die Aktivitäten, die CO2-Emissionen verursachen, nicht weiter zurückfahren oder vermieden werden, verfehlen wir unsere Klimaziele."

"Unternehmen müssen zuerst ihre Emissionen reduzieren und andererseits in die Zukunft investieren, indem sie Mittel bereitstellen, um Ökosysteme wiederherzustellen und so einen langfristigen Klimaschutz zu gewährleisten. Es darf nicht vergessen werden, dass die Umsetzung allzu vereinfachter Lösungsansätze und Rezepte für großflächige naturbasierte Lösungen wie Baumpflanzungen negative Auswirkungen auf die biologische Vielfalt und die menschlichen Lebensgrundlagen haben kann, wenn der lokale Kontext nicht angemessen berücksichtigt wird. Es handelt sich also letztlich um das wohl-informierte Verhalten von uns allen im Detail, aber auch um den Einsatz für politische Veränderungen in Richtung Nachhaltigkeit und Lebensqualität für alle Menschen."

 

1 auf der nördlichen Erdhalbkugel

2 IPBES steht für Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services, auch Weltbiodiversitätsrat genannt. Er ist ein zwischenstaatliches Gremium zur wissenschaftlichen Politikberatung für das Thema biologische Vielfalt. Website: https://ipbes.net

3 IPCC steht für „Intergovernmental Panel on Climate Change“. Die Institution der Vereinten Nationen ist in Deutschland auch als Weltklimarat bekannt. In seinem Auftrag tragen Fachleute weltweit regelmäßig den aktuellen Kenntnisstand zum Klimawandel zusammen und bewerten ihn aus wissenschaftlicher Sicht. Der IPCC bietet Grundlagen für wissenschaftsbasierte politische Entscheidungen, indem er unterschiedliche Handlungsoptionen und deren Implikationen aufzeigt, ohne jedoch konkrete Lösungswege vorzuschlagen oder Handlungsempfehlungen zu geben.

4 Anthropogen ist der Fachbegriff für das durch Menschen Beeinflusste, Entstandene, Hergestellte oder Verursachte. 

5 Sustainable Development Goals: Bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen (UN) 2015 haben sich 193 Staaten in der Agenda 2030 auf 17 Ziele geeinigt. Sie nennen sich „globale Ziele für nachhaltige Entwicklung“ oder auf Englisch „Sustainable Development Goals“ (SDGs). SDGs verbinden die soziale, ökologische und ökonomische Dimension von Nachhaltigkeit und verknüpfen so die Bekämpfung von Armut mit dem Schutz natürlicher Lebensgrundlagen. Denn: Sozialer Fortschritt ist ohne die Berücksichtigung der Grenzen des Planeten nicht dauerhaft möglich.

6 Evapotranspiration ist die Gesamtverdunstung von einer natürlich bewachsenen Bodenoberfläche. Sie setzt sich aus der Evaporation und der Transpiration zusammen. 

7 Diese Rückstrahlung wird in Albedo angegeben, einem Maß für die Helligkeit eines Körpers. Je heller der Körper ist, desto größer ist die Albedo. Eine wichtige Folge ist, dass mehr von der einfallenden Sonnenstrahlung reflektiert wird, je heller der Körper ist.

8 Globaler Bericht des Weltbiodiversitätsrates (deutschsprachige Kurzfassung):
www.ufz.de/export/data/2/228053_IPBES-Factsheet_2-Auflage.pdf

9 Gemeinsamer Bericht von IPBES und IPCC (Kernaussagen auf Deutsch):
www.ufz.de/index.php?de=44469

ONLINE VERLINKT:
Interview: Soll die Natur das Klima langfristig stabilisieren, braucht sie Hilfe. Prof. Hans-Otto Pörtner, und Prof. Josef Settele: www.ufz.de/index.php?de=48298

 

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